Rumlümmeln am Strand
Beitrag #21: Lesedauer 5 Min.

Sommer, Sonne, Nazi-Bau – unterwegs auf Rügen

Hochsommerliche Temperaturen lassen ab jetzt nur noch eine Aktivität zu: Rumlümmeln am Strand – daher fahren wir vom Jasmund-Nationalpark an einen der schönsten Strände Rügens.

Nur einen Katzensprung vom Nationalpark entfernt, erstreckt sich feinster Sandstrand über eine Länge von 12 Kilometern innerhalb einer malerischen Bucht vom kleinen Örtchen Glowe bis nach Juliusruh.

Reiseverlauf

Im Reiseverlauf findest Du detaillierte Angaben zu unseren Fahrtrouten – vom vorherigen Beitragsort bis zum Ort dieses Beitrags inklusive Zwischenstopps.

Kühles Nass und Kap Arkona

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Während unser Bräunungsgrad innerhalb der nächsten Tage kontinuierlich zunimmt, verfallen wir mehr und mehr der von uns selbst gewählten Lethargie des Strandlebens. Erst als dunkle Wolken am Himmel uns aus unserem süßen Sein des Nichtstuns erwachen lassen, stellt sich die Wahl zwischen Fahrrad oder Wanderschuhe: Die Wahl wird schnell zugunsten der Fahrräder entschieden.

Auf einer rund 45 Meter hohen Steilküste führen uns unsere Fahrräder zum Kap Arkona. Hier thronen die Wahrzeichen der Halbinsel Wittow wie mächtige Wächter über der Ostsee: Gleich zwei Leuchttürme prägen das Panorama, ergänzt durch den markanten Marine-Peilturm. Doch wer hier Einsamkeit sucht, ist falsch gewickelt, denn der Ort ist ein absoluter Touristenmagnet. Auch unterirdisch geht es am Kap Arkona historisch zu: In einem ehemaligen NVA-Marineführungsbunker unter der Erde kann man noch heute in die Militärgeschichte des Kalten Krieges eintauchen. Und was viele beim Blick über das weite Blau der Ostsee nicht ahnen: Vor der Küste verbirgt sich ein gigantischer Schiffsfriedhof. Aufschlussreiches Kartenmaterial im Bunker zeigt, wie ein unsichtbarer Gürtel aus hunderten historischer Wracks die Insel umschließt – stumme Zeugen jahrhundertelanger Seefahrt und gefährlicher Riffe, die manchem Seemann zum Verhängnis wurden. Nur einen kurzen Spaziergang vom Trubel entfernt liegt schließlich das idyllische Fischerdorf Vitt, dessen reetgedeckte Häuschen sich schutzsuchend in eine kleine Schlucht direkt am Meer schmiegen.

Der Bug

Ein weiteres Abenteuer im Sattel führt uns von Glowe über Dranske auf die mystische Halbinsel Bug, die einst militärisches Sperrgebiet und Stützpunkt der DDR-Volksmarine war. Die Natur auf dieser verwunschenen Landzunge im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft wurde jahrzehntelang sich selbst überlassen und ist heute streng geschützt, ein Betreten nur mit Ausnahmegenehmigung und geführten Touren möglich.

Der Bug ist kein klassisches Postkarten-Idyll für den Massentourismus, sondern ein faszinierender Ort, der den Kontrast zwischen Militärgeschichte, Boddenidylle und Natur perfekt abbildet. Ein Hauch von Vergänglichkeit und unberührter Stille liegt über diesem Ort. Und dennoch bietet der Bug zugleich spektakuläre Panoramablicke auf die Boddengewässer und die Nachbarinsel Hiddensee. Beide Fahrradtouren bieten wir als GPX-Dateien zum Nachradeln im Downloadbereich weiter unten an.

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Die Störtebeker-Festspiele

Nach Tagen der Entspannung am Strand ändert sich das Wetter. Ein Sturm ist vorhergesagt. Wir stehen in Glowe mit unserem Concorde auf einem schattigen Parkplatz unter Bäumen – für uns Grund genug, die Örtlichkeit zu verlassen, um eventuelle Schäden am Fahrzeug durch abbrechendes Geäst von vornherein zu vermeiden. Und so verschlägt es uns nach Sagard.

Von Sagard aus besuchen wir die spektakulären Störtebeker-Festspiele, mit dem Fahrrad in knapp einer Stunde erreichbar und ein absolutes Muss für jeden Rügen-Besucher. Das erfolgreichste deutsche Open-Air-Freilichtspektakel findet auf der Naturbühne in Ralswiek vor maximal möglichen 8000 Zuschauern statt. Über 150 Darsteller, mehr als 30 Pferde, grandiose Bühnenkulissen und originalgetreue Schiffe, sowie atemberaubende Stunts und Pyrotechnik erzählen die Legende des Seeräubers Klaus Störtebeker aus dem 14. Jahrhundert. Höhepunkt: Jede Abendvorstellung endet mit einem großen Höhenfeuerwerk über dem Bodden. Eine Kostprobe der Festspiele gibt es hier.

Der Koloss von Rügen

Eines der unglaublichsten Gebäude weltweit befindet sich in Prora, einem Ort voller Widersprüche, der uns beinah fassungslos zurücklässt und noch lange beschäftigt.

Prora war einst in der NS-Zeit als gigantische Ferienanlage geplant: Über unglaubliche 4,5 Kilometer Länge sollte ein zusammenhängendes, mehrstöckiges Gebäude entstehen, um dort 20.000 Urlaubern Platz zu bieten. Die gigantische Anlage wurde jedoch kriegsbedingt durch den 2. Weltkrieg nie in Betrieb genommen, nach Kriegsende von der Roten Armee versucht, zu zerstören und später von der Volksarmee der DDR unter anderem zur Schikane sogenannter Bausoldaten (Wehrdienstverweigerer) genutzt. Nach dem Niedergang der DDR stellte sich nun die Frage nach der weiteren Nutzung dieses umstrittenen, aber auch denkmalgeschützten Gebäudes. Man entschied sich für die Sanierung und Vermarktung als Luxus-Ferienkomplex (und hat damit zynischerweise letztendlich das abgeschlossen, was die Nazis nicht zu beenden vermochten). Heute ist Prora das umstrittenste Bau- und Denkmalprojekt der deutschen Geschichte.
Hier ein paar eindrucksvolle Fakten zu den irren Dimensionen des NS-Gigantismus:

4,5 Kilometer: So lang war der zusammenhängende Gebäudekomplex ursprünglich geplant. Acht identische Blöcke sollten direkt an der Prorer Wiek aufgereiht werden.
4,7 Kilometer: Die Distanz des Strandabschnitts, den der Bau komplett einnimmt.
20.000 Urlauber: Für diese Kapazität war das Seebad konzipiert. Zum Vergleich: Das wären mehr Gäste gewesen, als die gesamte Insel Rügen damals Einwohner an den Küstenorten hatte.
10.000 Zimmer: Alle exakt 5,0 × 2,5 Meter groß, mit Blick zum Meer.
235,5 Millionen Reichsmark: Veranschlagte Baukosten Ende der 1930er Jahre. Das entspräche heute weit über einem zweistelligen Milliardenbetrag in Euro.
9000 Bauarbeiter arbeiteten zeitweise gleichzeitig für 9 am Bau beteiligte bedeutende Baufirmen (darunter HochTief) auf der Baustelle.
200.000 Kubikmeter Beton: Diese unvorstellbare Menge Beton wurde in weniger als drei Jahren in den Küstenwald gegossen. Das entspricht dem Volumen von etwa 80 olympischen Schwimmbecken voll massivem Beton.
4.000 Betoniermaschinen & Krananlagen: Für die Baustelle musste ein eigenes kleines Kraftwerk gebaut und ein komplettes Schienennetz verlegt werden. Die Baustelle hatte damals ihren eigenen Güterbahnhof und eine eigene Materialanlegestelle an der Küste.
8.000 Fensterelemente zum Meer: Die Strandfassade bestand aus einer schier endlosen, monotonen Wand von tausenden exakt baugleichen Fenstern.
160 Treppenhäuser: Da der Bau so lang gestreckt war, gab es keine langen Längsflure für die Gäste. Stattdessen gab es alle paar Meter ein eigenes Treppenhaus. Man sollte vom Zimmer direkt vertikal nach unten zu den Fluren auf der Landseite gelangen.
1,5 Kilometer Schutt: Das war die Länge der Blöcke, die Ende der 1940er Jahre von der Roten Armee und später bei Munitionstests gezielt gesprengt wurden. Trotz der gewaltigen Sprengstoffmengen blieben riesige Betongerippe stehen. Letztendlich wurden die Sprengversuche aufgrund des extrem dicken Stahlbetons eingestellt – Die Bausubstanz war buchstäblich für die Ewigkeit gegossen und die Natur brauchte über 50 Jahre, um sie teilweise zu überwuchern.
1,5 bis 2 Millionen Euro: Für diesen verhältnismäßig lächerlichen Betrag versteigerte der Bund in den 2000er Jahren einzelne, kilometerlange Gebäudeblöcke an private Investoren.
Über 300 bis 500 Millionen Euro: Schätzungen der Gesamtsumme an privaten Investitionen, die seit Beginn der Sanierungswelle in die Transformation von Prora geflossen sind – Ende offen.
400 Betten: Die Kapazität der 2011 eröffneten Jugendherberge – sie gilt als längste Jugendherberge Europas.
Erdkrümmung: Der Nazi-Architekt Clemens Klotz plante damals die Blöcke so präzise auf einer leicht geschwungenen Linie, dass der Erdkrümmungsradius berücksichtigt werden musste. Wenn man heute an einem Ende eines sanierten Korridors steht, kann man wegen der leichten Biegung das andere Ende gar nicht mehr sehen.

Fazit und Ausblick

Rügen begeistert uns mit schönen, saisonbedingt allerdings leider gut gefüllten Stränden, aber dafür abwechslungsreichen Attraktionen, wie den Störtebeker-Festspielen oder dem umstrittenen Projekt Prora. Ein Besuch lohnt sich für Familien gleichermaßen, wie für Strand- und Naturliebhaber.

Wir verlassen Rügen über die Rügenbrücke und somit auf dieselbe Weise, wie wir gekommen sind – und freuen uns auf Stralsund.

Download-Bereich
GPX-Track: Glowe-Juliusruh-Altenkirchen-Guderitz-Dranske-Wiek-Breege-Glowe
GPX-Track: Glowe-Juliusruh-Vitt-Kap-Arkona-Vitt-Juliusruh-Glowe
GPX-Track: Sagard-Lietzow-Ralswiek-Lietzow-Sagard
GPX-Track: Sagard-Prora-Sagard
Weiterführende Links zum Thema
gemeinde-dranske.de
kap-arkona.de
ruegen.de/ueber-ruegen/inselorte/seebad-prora
stoertebeker.de
wikipedia.org/wiki/Prora

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