Zwischen Rügen und Stralsund
Beitrag #23: Lesedauer 4 Min.

„Bürger von Stralsund, Stralsund, Stralsund“ *

* Verkündungen beginnt der Herold auf den Wallensteintagen standesgemäß mit eben diesen Worten.

Wir planen einen eintägigen Kurzaufenthalt für die Stralsunder Sehenswürdigkeiten und einen ausgiebigen Waschsalonbesuch zur Entlastung unseres gut gefüllten Schmutzwäschefachs. Doch es kommt anders als geplant.

Wir landen mitten in den Wallensteintagen – und so werden aus einer Übernachtung ganze fünf. Wir bleiben also unserem Motto treu: Pläne sind dazu da, über den Haufen geworfen zu werden.

Reiseverlauf

Im Reiseverlauf findest Du detaillierte Angaben zu unseren Fahrtrouten – vom vorherigen Beitragsort bis zum Ort dieses Beitrags inklusive Zwischenstopps.

Die Wallensteintage? Nie gehört!

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Wir entscheiden uns für einen einfachen, aber zweckmäßigen Stellplatz auf einem Betriebsgelände in der Nähe der Altstadt. Schon kurz nach unserer Ankunft begrüßt uns der Betreiber mit Verweis auf die Wallensteintage: Es ist demnach anscheinend unser Glück, überhaupt noch einen Stellplatz gefunden zu haben, denn Stralsund ist rappelsvoll – die Stadt platzt förmlich aus allen Nähten. Die bis dato für uns vollkommen unbekannten Wallensteintage scheinen DAS Highlight in Stralsund zu sein, und so wird uns ziemlich schnell klar: Das Ding hier ist nicht innerhalb eines Tages abgefrühstückt.

Die Geschichte der Wallensteintage ist eine faszinierende Mischung aus europäischer Machtpolitik und einer überraschend langen Festtradition. Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) ging es nicht nur um Religion, sondern um die Macht in Europa. Der kaiserlich-katholische Feldherr Albrecht von Wallenstein wollte die gesamte Ostseeküste unter seine Kontrolle bringen, um dort eine kaiserliche Flotte aufzubauen. Alle Städte Pommerns ergaben sich oder knickten ein – nur die Hansestadt Stralsund weigerte sich energisch, kaiserliche Truppen aufzunehmen oder Schutzgeld zu zahlen. Wallenstein schäumte vor Wut:

Die Rügenbrücke verbindet Stralsund und Rügen

Ab Mai 1628 schloss Wallensteins Heer mit 20.000 bis 25.000 Mann die Stadt von der Landseite her komplett ein. Dass Stralsund nicht fiel, lag an zwei wesentlichen Faktoren:

  • Die Altstadt war damals fast eine Insel, nur über schmale Dämme erreichbar und von tiefen (noch heute existierenden) Teichen umgeben, die der damalige Bürgermeister Lambert Steinwich sogar noch tiefer (und somit unüberwindlicher) graben ließ. Die ohnehin schon mächtigen Wälle ließ Steinwich weiter verstärken.
  • Wallenstein hatte keine Kriegsschiffe. Über die Ostsee konnten Dänemark und vor allem Schweden Truppen, Munition und Nahrung in die Stadt schleusen.

Nach heftigen Gefechten, Dauerbeschuss und schweren Verlusten musste Wallenstein am 24. Juli 1628 nach drei Monaten frustriert die Belagerung abbrechen und abziehen. Es war seine erste große Niederlage. Durch die Bündnisanfrage Stralsunds trat Schweden aktiv in den Dreißigjährigen Krieg ein – was den Verlauf der europäischen Geschichte nachhaltig veränderte und Stralsund später für knapp 200 Jahre zu Schwedisch-Pommern machte.

Die hieraus resultierenden heutigen Wallensteintage sind keine moderne Erfindung der Tourismusbranche, sondern haben tiefe historische Wurzeln: Gleich nach dem Abzug Wallensteins feierte man ab 1629 den Sieg jährlich mit einem festlichen Dankgottesdienst. Stralsunder Bürger forderten 1828 zur 200-Jahr-Feier ein weltliches Jubiläumsfest. Daraus entstanden die regulären Wallensteintage als Volksfest. Fast ohne Unterbrechung wurde das Fest jedes Jahr im Juli gefeiert. Während der DDR-Diktatur bis 1990 wurde die Tradition nicht fortgeführt (unter anderem, weil das Bürgerliche/Schwedische politisch nicht ins Bild passte). Nach der Wiedervereinigung belebten die Stralsunder das Fest neu. Heute ist es das größte historische Volksfest Norddeutschlands.

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Ozeaneum und Meeresmuseum

Meereskundlich Interessierte sollten unbedingt einen Besuch des Ozeaneums und des Meeresmuseums einplanen. Hier verliert man sich in einer schier unendlichen Informationsflut zu einem unserer wichtigsten Ökosysteme und verbringt Stunden beim Bestaunen riesiger Aquarien und lebensgroßer Walmodelle.

HIGHLIGHTS im Ozeaneum:

  • Das Ozeaneum beherbergt einen 26 Meter langen Blauwal, gefertigt aus speziellem Kunststoff und Drahtgeflecht, den man aus der Perspektive eines Tauchers auf Liegestühlen liegend bestaunen und dabei Walgesängen zuhören kann.
  • Auf der Dachterrasse leben Humboldtpinguine, die man beim Schwimmen und Sonnen beobachten kann, während man einen der besten Panoramablicke über die Stralsunder Altstadt genießt.
  • Das größte Aquarium umfasst 2,6 Millionen Liter Wasser. Die gigantische Acrylglasscheibe, die dem gewaltigen Wasserdruck widerstehen muss, ist 30 Zentimeter dick und 22 Tonnen (!) schwer.

HIGHLIGHTS im Meeresmuseum:

  • Das Museum befindet sich in einer ehemaligen Dominikaner-Klosterkirche aus dem Mittelalter. Wo früher Mönche beteten, schwebt heute ein echtes, 15 Meter langes Skelett eines Finnwals unter dem gotischen Kreuzrippengewölbe.
  • Eines der berühmtesten Exponate ist die präparierte, 450 Kilogramm schwere Riesenschildkröte Marlene. Sie verirrte sich 1965 in die kalte Ostsee, verfing sich in Fischernetzen und wurde lebend geborgen. Marlene verstarb aber kurz darauf durch fehlerhafte Ernährung – man wusste zu dieser Zeit schlicht nicht, dass Meeresschildkröten Quallenfresser sind und versuchte, sie mit Hering und Fleisch aufzupäppeln. Ihr Präparat ist heute Kulturgut und eine Legende des Museums.
Fazit und Ausblick

Meeresmuseum und Ozeaneum sind ein absolutes Muss, wenn Du schon immer wissen wolltest, dass

  • der Penis eines Finnwals ca. 1,65 Meter lang ist
  • ein Tropfen Wasser gut 1000 Jahre benötigt, um alle Strömungen der Welt zu passieren und am Ausgangspunkt wieder anzukommen
  • Wale und Delfine gar kein Salzwasser trinken
  • nahezu alle gestrandeten oder harpunierten Pottwale als natürliche Fressfeinde der Riesenkalmare große Narben aufweisen, die sie vermutlich in gigantischen Kämpfen in mehr als 1000 Metern Tiefe davontragen und von den messerscharfen Kalmarsaugnäpfen verursacht werden

Nimm die Wallensteintage mit, wenn Du Stralsund in der zweiten Julihälfte besuchst und genieße mittelalterliches Flair mit Gauklern und Pestzug vor der atemberaubenden Kulisse hanseatischer Backsteingotik. Die Altstadt mit Rathaus, neuem Markt und Marien-Kirche ist in jedem Fall sehenswert, ebenso wie das Museumsschiff Gorch Fock I, welches beinahe einen eigenen Beitrag wert ist.

Kurz und knapp: Nach Stralsund geht es weiter westwärts auf die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Wir freuen uns, Dich auch hierhin mitzunehmen.

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Weiterführende Links zum Thema
deutsches-meeresmuseum.de
wallensteintage.de
wikipedia.org/wiki/Wallensteintage

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